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„Herbstlicher lyrischer Ratespaß mit Musik“

vor 39 Minuten
4 Min. Lesezeit

Am 25. September 2026 hieß es in der Falkenhagener Kirche „Herbstlicher lyrischer Ratespaß mit Musik“. Mit dieser Veranstaltung beteiligten wir uns erstmalig am von der Stadt Falkensee veranstalteten „Poesieherbst“. Wir bedanken uns bei der Kirche Falkenhagen als Gastgeberin und bei der Stadt Falkensee, die die Honorarkosten für die musikalische Begleitung des Abends übernimmt und den ehrenamtlichen Vortragenden wie Birgit und Valentin!

Wir bedanken uns bei unseren Gästen, die uns den Eindruck vermittelten, dass sie mit Spaß und Staunen bei der Sache waren. Nachdem die LyrikerInnen erkannt waren, erfolgte jeweils die Rezitation eines ihrer Gedichte mit Bezug zum Thema „Herbst“. Nachfolgend kann nur ein kleiner Ausschnitt der Veranstaltung in Worten wiedergegeben werden.

Für den Einstieg wurde Theodor Fontane porträtiert. Nach Hinweisen zu seiner Vita wie Geburt in einer Kreisstadt in Brandenburg, Apothekerlehre, Korrespondent in England, Meisterwerk der Reiseliteratur, Gefangenschaft als preußischer Spion, Theaterkritiker, Autor von Gesellschaftsromanen folgten weitere Größen der deutschsprachigen Lyrik, die meist richtig erraten wurden. Der Sohn eines Advokaten, der von 1853 -1856 Gerichtsassessor in Potsdam war und Bekanntheit durch seine Novelle, in deren Mittelpunkt der Deichgraf Hauke Haien stand, entpuppte sich als Theodor Storm. Der Nobelpreisträger Hermann Hesse verbarg sich hinter dem Pseudonym Emil Sinclair, der in dem Buch „Demian“ autobiographische Anteile aus seiner Jugend verarbeitete und spätestens bei dem Hinweis erkannt wurde, als sein Zitat „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ aus dem Gedicht „Stufen“ vorgetragen wurde. Als ein früher Kämpfer für den Parlamentarismus in Deutschland und Mitglied der Nationalversammlung wurde Ludwig Uhland präsentiert, der sich zusätzlich Verdienste dadurch erwarb, indem er als Wissenschaftler das Fach „Germanistik“ etablierte. Einfach zu erraten war der junge Jurist, der sein Studium vom wohlhabenden Bankiersonkel finanziert bekam. Um seine Karrierechancen zu erhöhen, konvertierte er vom jüdischen Glauben zum Protestantismus. In seinen Gedichten arbeitete er mit Spott und Satire und wies auf die Missstände im deutschen Obrigkeitsstaat hin. Da ihm auch der in Deutschland herrschende Antisemitismus entgegenschlug, ging er nach Paris ins Exil. Mit dem Zitat des Satzes „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“, welches dem Trauerspiel Almansour (1823) entstammt und aus heutiger Sicht wie eine prophetische Mahnung wirkt, war das Rätsel um die Person fast gelöst. Mit dem Vorlesen des Einstiegsverses des Gedichts „Nachgedanken“, der da lautet: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“   war Heinrich Heine enttarnt. Wie stand später der NS-Staat zu diesem vom Volk verehrten Dichter? Die Nazis erklärten ihn zum „Kulturjuden“. Dieser Literat diente im Rahmen der antisemitischen Hetze als Beweis dafür, wie das Jüdische bereits das Deutsche unterwandert und zersetzt habe. Als Vertreterin des literarischen Expressionismus war die deutsch-jüdische Künstlerin Else Lasker-Schüler zu erraten. Sie war Teil der Berliner Bohème und verkehrte mit zahlreichen Künstlern wie Oskar Kokoschka, Franz Marc und Karl Kraus. Sie liebte die Extravaganz: Farbenfroh gestaltete Kostüme und Kopfbedeckungen, oft von exotischen und arabischen Kulturen geprägt, inspirierten sie. Sie trat auf als Prinz Jussuv von Theben und lebte diese androgyne Rolle in der Öffentlichkeit. Für einen Skandal sorgte ihre Beziehung mit dem 17 Jahre jüngeren Gottfried Benn. der zuvor bereits zu erraten gewesen war. Lasker-Schülers Theaterstück „Arthur Aronymus und seine Väter“, das 1933 im Berliner Schillertheater kurz vor der Aufführung stand, wurde von den Nationalsozialisten vom Spielplan genommen. In dem Stück hatte die hellsichtige Dichterin die drohende Judenverfolgung bereits vorweggenommen. Nach tätlichen Angriffen junger Nazis ging sie ins Exil in die Schweiz. Eine weitere bedeutende deutschsprachige Lyrikerin galt es zu erkennen: Sie wurde in Czernowitz als Kind jüdischer Eltern 1901 geboren, auf Geheiß der Mutter ging sie bereits 1920 nach Amerika, kehrte aber 1931 nach Hause zurück. Sie war 40 Jahre alt, als SS-Truppen in Czernowitz einmarschierten und sie im finsteren Kellerversteck im Ghetto auf Paul Celan traf und sie sich gegenseitig Gedichte vorlasen. Sie gehörte zu den 5.000 von 60.000 Juden, die die deutsche Besatzung überlebten. Sie ging später nach New York. Ihre Schreibblockade löste sich 1949 schließlich auf und das Schreiben auf Deutsch gab ihr trotz des durchlebten NS-Grauens eine Art Heimatgefühl. Mit Hilfe der Lyrik verarbeitete sie die quälenden Erinnerungen daran. Hinter diesem Porträt verbarg sich Rose Ausländer. 

Passend musikalisch wurde die Veranstaltung untermalt. Es wurden Lieder von der Sängerin Saskia Schönfisch vorgetragen, die am Klavier vom Kantor Philipp Domke begleitet wurde. Die von Christian Lahusen vertonten Stücke entstammten zum Beispiel der Feder weiterer zu erratender Dichter. Genannt sei Werner Bergengruen, der dem Nationalsozialismus sehr kritisch gegenüberstand aufgrund seiner christlich-humanen Einstellung. Dementsprechend war er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen worden. Dies entsprach damals einer Art Berufsverbot. Lahusen verarbeitete auch Texte von Richard Billinger. Obwohl dieser einerseits aufgrund seiner Homosexualität mit den Nationalsozialisten Probleme bekam, so hatte er dennoch das Glück, auf Anerkennung bei den Nazis zu stoßen, da er

aufgrund seiner volkstümlich-bäuerlichen Themen ideal zur Blut- und Boden-Ideologie der Nazis passte. Selbst Heinrich Himmler soll sich schützend vor diesen Literaten gestellt haben. Seine Präsenz auf den Reichsbühnen und im NS-Film (Luis Trenker: Der Berg ruft) ermöglichten ihm Karriere und Wohlstand im Dritten Reich. Nach 1945 konnte er seine schriftstellerische Tätigkeit nahtlos fortsetzen, denn keines seiner Werke stand auf einem Index und in die NSDAP war der Österreicher nie eingetreten.

v.l.n.r.:Tom und Silvia Schaak, Pfarrer Sebastian Gebauer, Birgit Voetter, Saskia Schönfisch (Gesang), Philipp Domke (Klavier), Valentin Schaak

 
 
 

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